Wissenschaftlicher Mitarbeiter
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Zur Person
Nach dem Studium der Soziologie, Zeitgeschichte und Politikwissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg wurde Christian Dietrich 2012 an der Universität Potsdam mit einer Arbeit zur Geschichte des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens in der Zeit des deutschen Kaiserreiches promoviert. Von 2012 bis 2022 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Axel Springer-Lehrstuhl für deutsch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte, Exil und Migration an der Europa-Universität Viadrina, wo er zwischen 2014 und 2017 zudem das DFG-Projekt „Digitales Archiv jüdischer Autorinnen und Autoren in Berlin 1933–1945 (DAjAB)“ wissenschaftlich koordinierte. Nach der Habilitation an der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Europa-Universität folgte im WS 2021/22 ein Aufenthalt als Gastprofessor am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien sowie von 2023 bis 2025 eine Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Landesgeschichte in Halle/Saale. Christian Dietrich ist Privatdozent an der Europa-Universität Viadrina und bereitet am Institut für die Geschichte der deutschen Juden ein Forschungsprojekt zur Geschichte der Familie Norden vor.
Tätigkeitsprofil
Ich interessiere mich dafür, wie sich ein im religiös-liberalen Judentum ausgebildetes Ethos öffentlichen Engagements über die Zäsur der Shoah hinweg in divergierende religiöse, politische und lebensweltliche Praxen übersetzte.
Seinen Gegenstand findet das Projekt, das ich am IGdJ vorbereite, in der Geschichte der Familie Norden. Joseph Norden (1870–1943), promovierter Philosoph und Rabbiner in Neustettin, Myslowitz, Elberfeld und Hamburg, gehörte zu den profilierten Vertretern des religiös-liberalen Judentums im Kaiserreich und der Weimarer Republik. Seine programmatischen Schriften verstanden Judentum auch als Verpflichtung zur tätigen Weltgestaltung. Von seinen Kindern wandte sich Albert Norden (1904–1982) über das radikalsozialistische jüdische Jugendmilieu dem Kommunismus zu und stieg nach Exil in Dänemark, der Tschechoslowakei, Frankreich und den USA in der DDR bis ins SED-Politbüro auf. Der älteste Sohn Hans Norden beschäftigte sich vor seinem frühen Tod 1926, dem Vater folgend, mit dem Buch Hiob. Die älteste Tochter Bertha emigrierte mit ihrer Familie in die USA, die jüngste Tochter Hanna über China nach San Francisco. Die mittlere Tochter Elfriede emigrierte nach Palästina und lebte in Tel Aviv. Joseph Norden selbst schlug die Emigration aus, blieb beim Hamburger Tempel-Verein und wurde 1943 in Theresienstadt ermordet.
Konzeptionell schließt das Projekt an die Kulturgeschichte des Politischen sowie an die in meiner bisherigen Arbeit zentralen Kategorien von Zugehörigkeit und Erwartung an. Engagement verstehe ich als praktisch gewordene Erwartung – als Modus, in dem Zugehörigkeit tätig behauptet wird.
Aktuelle Veröffentlichungen
- „Jüdische Literatur“ als Differenzbegriff. Die Kunstwart-Debatte, in: Alfred Bodenheimer/ Hans-Joachim Hahn/ Rahel Stennes (Hg.), Handbuch Deutschsprachig-jüdische Literatur seit der Aufklärung. Bd. 1 Tradition und Glaube, Heidelberg 2026 (im Druck).
- Blutrache am Zeitungsmann. Politische Gewalt und ihre Inszenierung am Vorabend des ‚Dritten Reiches‘, in: Martin Platt (Hg.), Auf der Suche nach Sicherheit. Die Weimarer Republik zwischen Sicherheitserwartungen und Verunsicherungsgefühlen, Stuttgart 2024, S. 27–38.
- „Die Verteidigung der Demokratie obliegt dem Proletariat“. Der Republikanische Schutzbund, das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und die Auseinandersetzungen mit dem politischen Judenhass, in: MEDAON – Magazin für jüdisches Leben in Forschung und Bildung 32 (2023), S. 1–14.
Veröffentlichungen
- Im Schatten August Bebels. Sozialdemokratische Antisemitismusabwehr als Republikschutz (1918–1932), Göttingen 2021.
- Eugen Leviné. „Ich fühle russisch und denke jüdisch“, Berlin 2017.
- Verweigerte Anerkennung. Selbstbestimmungsdebatten im Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens vor dem Ersten Weltkrieg, Berlin 2014.
- „Jüdische Literatur“ als Differenzbegriff. Die Kunstwart-Debatte, in: Alfred Bodenheimer/ Hans-Joachim Hahn/ Rahel Stennes (Hg.), Handbuch Deutschsprachig-jüdische Literatur seit der Aufklärung. Bd. 1 Tradition und Glaube, Heidelberg 2026 (im Druck).
- Blutrache am Zeitungsmann. Politische Gewalt und ihre Inszenierung am Vorabend des ‚Dritten Reiches‘, in: Martin Platt (Hg.), Auf der Suche nach Sicherheit. Die Weimarer Republik zwischen Sicherheitserwartungen und Verunsicherungsgefühlen, Stuttgart 2024, S. 27–38.
- „Die Verteidigung der Demokratie obliegt dem Proletariat“. Der Republikanische Schutzbund, das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und die Auseinandersetzungen mit dem politischen Judenhass, in: MEDAON – Magazin für jüdisches Leben in Forschung und Bildung 32 (2023), S. 1–14.
- Dilemma zwischen Abwehr und Abwarten. Die Einschätzungen des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zum Aufstieg der NSDAP und Gegenstrategien anlässlich der Reichspräsidentenwahl 1932, in: Michel Grunewald/Olivier Dard/Uwe Puschner (Hg.), Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus im deutsch- und französischsprachigen Europa, Brüssel 2022, S. 229–240.
- „Pioniere der Weltrevolution im Vorderen Orient“. Die Radikalisierung des österreichischen Arbeiterzionismus am Beispiel der Parteizeitung ‚Freie Tribüne‘, in: Lisa Sophie Gebhard/David Hamann (Hg.), Deutschsprachige Zionismen. Verfechter, Kritiker und Gegner, Organisationen und Medien (1890–1938), Berlin 2019, S. 147–161.
- Positions on Zionism in the Wake of the Colonial Policy Debate: Perspectives on Labour Zionism in the Sozialistische Monatshefte, in: Steven Parfitt/Lorenzo Costaguta/Matthew Kidd/John Tiplady (Hg.), Working-Class Nationalism and Internationalism until 1945. Essays in Global Labour History, Cambridge 2018, S. 63–85.